Sie sind hier: www.drfg-th.de / Dokumentiert
.

Was wird aus unserer Gedenk-und Erinnerungskultur?

Soll Erinnerung an die Befreiung vom Faschismus in Frage gestellt werden?

Der langjährige Vorsitzende der VVN-BdA, Ulrich Sander, erwiderte in einer Zuschrift an jW auf die Ankündigung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora,(Aufsicht durch die Landesregierung Thüringen), dass während der diesjährigen Gedenkveranstaltungen zur Befreiung der Konzentrationslager offizielle Vertreter aus Russland und Belarus nicht willkommen seien: 
"Gestattet mir zu betonen, dass mir die Aussicht nicht gefällt, den Vertreter der Regierung Kiews als einzigen Vertreter der Völker der UdSSR bei künftigen Gedenkveranstaltungen in Gedenkstätten anzutreffen. Das wäre dann z. B. der ukrainische Botschafter in der BRD, Andrij Melnyk, der sich als Verteidiger des Asow-Bataillons betätigt, Freiwillige aus den Reihen der deutschen Neonazis zum Kampf gegen den »Neobolschewismus« anwirbt und fast täglich mit Reden im TV erscheint, in denen er zur Ausweitung des Kriegs durch NATO und deutsche Bundesregierung auffordert".
Ehrenmal2 Ehrenmal1 LUPE
Auch am Weimarer Ehrenmal für die Rote Armee gab es bereits ähnliche Schmierereien.

Berlin: Angriffe auf sowjetische Ehrenmale dauern an.

Grüne rücken Kundgebung zum Tag des Sieges in die Nähe von »kriegstreiberischer Propaganda«

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine spitzt sich im Vorfeld des in Russland am 9. Mai begangenen Tages des Sieges über den Faschismus die Auseinandersetzung um die sowjetischen Ehrenmale in der Bundesrepublik zu. Insbesondere in Berlin gab es in den vergangenen Tagen mehrere Angriffe auf diese Gedenkstätten.
Gleichzeitig nimmt eine Kampagne Konturen an, die die Botschaft vermitteln soll, die zentrale, von vielen Berlinern mit Wurzeln in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion Jahr für Jahr besuchte Kundgebung zum Tag des Sieges am Ehrenmal im Treptower Park – bei der bislang auch Vertreter der Bundes- und Landespolitik Kränze regelmäßig niedergelegt hatten – sei ein Problem, weil sie vor allem von »Putin-Freunden« besucht werde.
Das inzwischen etablierte Verfahren, mit dem der russische Nationalismus bzw. seine Symbole für verbotswürdig erklärt werden, der ukrainische, historisch mit dem Nazismus kollaborierende Nationalismus aber offen oder verklausuliert goutiert wird, droht das Gedenken an die Niederlage des deutschen Faschismus zu kontaminieren. Sichtbar verwoben in die Übergriffe auf die Gedenkstätten und die Debatte über die Kundgebung im Treptower Park ist zudem der Versuch, deutsche Verbrechen zu relativieren bzw. die bisherige Praxis der Erinnerung an die Befreiung vom Faschismus in Frage zu stellen.

Die Taz berichtete über Hinweise, wonach »Putin-Freunde« in großem Umfang zur diesjährigen Kundgebung am 9. Mai im Treptower Park mobilisieren. Eine »riesige Propagandashow« sei geplant; das »Meer russischer und sowjetischer Fahnen« solle »im russischen Staatsfernsehen gezeigt werden«, hieß es unter Berufung auf diverse Telegram-Gruppen. Die Rolle der russischen Botschaft bei alldem sei »unklar«. Der eigentliche Kern des Textes ist die Spekulation einer Bezirkspolitikerin der Grünen, es könne »zu Ausschreitungen kommen, und zwar in der gesamten Stadt«. Das könne dann »in Moskau instrumentalisiert werden«. Auch der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), teile diese Sorge. Gollaleh Ahmadi (Bündnis 90/Die Grünen), die Vorsitzende des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus, drohte via Taz, Berlin werde »keine kriegstreiberische Propaganda dulden«.
Am Mittwoch, 30.03.2022 kam es am sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten erneut zu einer Schändung, die entweder von ukrainischen Nationalisten oder von anderen Personen, die deren Symbole verwenden, ausging. Nach Angaben einer Sprecherin der Berliner Polizei gegenüber jW wurden die beiden im Eingangsbereich auf Sockeln plazierten T-34-Panzer gegen sieben Uhr früh vollständig mit einem »blau-gelben Überzug« versehen. Dieser sei von Polizeikräften »entfernt und sichergestellt« worden. Die Täter seien unbekannt. Die russische Botschaft hat am Mittwoch offiziell beim Auswärtigen Amt gegen diesen Vorfall protestiert und gefordert, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Man betrachte den Vorgang »als Schändung des Denkmals für sowjetische Soldaten, die im Kampf für die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus gefallen sind«, teilte die Vertretung via Facebook mit.
Aus einem Leserbrief an die jW Redaktion:
»Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«, so heißt es bei Brecht bezogen auf die alte BRD, und dies gilt vermehrt für das jetzige Deutschland. Wer sich nicht wirklich entnazifizierte, lediglich ein Lippenbekenntnis ablegte, wirtschaftlich erneut erstarkte, der knüpft zusehends an die braune Vergangenheit als auch an die Kaiserzeit an, möchte seine imperialistisch-rassistische Gelüste gerne befriedigen. Dazu gehört dann eben auch, die äußerst opferreichen Siege der Roten Armee zu verunglimpfen, sie zu verhöhnen, ganz in der Manier überheblicher Herrenreiter, die sich auch noch als Wertemenschen in einem selbsternannten Wertestaat dünken. Allen rückwärtsgewandten revanchistischen Menschen der hiesigen Schmuddelrepublik ist es ein Greuel, dass ausgerechnet die Sowjetunion der Hauptsieger des WK II ist. Viele deutsche Reaktionäre möchten gerne dafür Rache nehmen und erneut Russland ökonomisch ausplündern.
Am 24. März hielt Papst Franziskus in Rom eine Rede, in der er über die Politik der NATO-Staaten urteilte. Laut der italienischen Tageszeitung Il Fatto Quotidiano sagte er: 
"Ich schäme mich für die Staaten, die die Militärausgaben auf zwei Prozent anheben, sie sind verrückt! Die wahre Antwort besteht nicht in anderen Waffen, anderen Sanktionen, anderen politisch-militärischen Allianzen, sondern in einer anderen Einstellung, einer anderen Weise, eine bereits globalisierte Welt zu verwalten, darin, nicht die Zähne zu zeigen, sondern internationale Beziehungen zu knüpfen. Es ist ersichtlich, dass eine gute Politik nicht aus einer Kultur der Macht erwachsen kann, die als Herrschaft und Unterdrückung verstanden wird, sondern nur aus einer Kultur der Achtsamkeit, der Achtsamkeit für den Menschen und seine Würde und der Achtsamkeit für unser gemeinsames Haus. (…) 
Ich denke, dass es für jene von Euch, die meiner Generation angehören, unerträglich ist, zu sehen, was geschah und was in der Ukraine geschieht. Doch dies ist leider die Frucht der alten Logik der Macht, die die sogenannte Geopolitik noch immer dominiert. Regionale Kriege hat es die ganze Zeit gegeben, hier und dort, wir befinden uns seit einer Weile in einem »Dritten Weltkrieg auf Raten«, und nun stehen wir vor einer Dimension, die die gesamte Welt bedroht. Und das Grundproblem ist immer das gleiche: Die Welt wird weiterhin wie ein »Schachbrett« behandelt, wo die Mächtigen die Züge studieren, um ihre Vorherrschaft zum Schaden der anderen auszudehnen".
  
  

Dieser Artikel wurde bereits 333 mal angesehen.



.