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"Das ist ein furchtbarer abscheulicher brudermörderischer Krieg!"

Der ältere Bruder tötet den jüngeren, der orthodoxe Christ den orthodoxen Christen.

Mit freundlicher Genehmigung von Frau Svetlana Vasilenko aus Moskau veröffentlichen wir einen aufrüttelnden Brief zur gegenwärtigen Situation in Russland.
Sie hat ihn an ihre Freundin Christina Parnell aus Weimar geschrieben.
In Ihrer Funktion als 1. Sekretär der Union russischer Schriftsteller in Moskau, wendet sich Frau Vasilenko gegen die russische Invasion in der Ukraine und fordert die sofortige Einstellung aller Militäraktionen. 
Populär wurde sie in Russland als  Autorin des vielbeachteten Buches "Kapustin Jar" über das ehemalige Raketentestgelände in der Nähe von Astrachanan der Grenze zum Wolgograder Gebiet.
Den Weimarern ist sie durch eine Online-Veranstaltung am 1.September 2021 keine Unbekannte mehr.
Svetlana Vasilenko Lupe
Liebe Christina, 
das ist ein furchtbarer abscheulicher brudermörderischer Krieg. Der ältere Bruder tötet den jüngeren, der orthodoxe Christ tötet den orthodoxen Christen. Für gewöhnlich entstehen Kriege zwischen verschiedenen Völkern, zwischen verschiedenen Konfessionen, sie werden um Land geführt, um Öl, um Lebensraum. Diesem Krieg aber fehlt jeglicher wirklicher Grund. Und darum ist er von Anfang an verloren. 
Aber wie schade ist es um die Menschen! Meine Mutter war Ukrainerin, ich habe eine ukrainische Familie! Mein Vater verließ uns früh, darum haben mich nicht die Leningrader Verwandten geprägt, sondern die meiner Mutter. Ich erinnere mich an jeden einzelnen, und es schmerzt mich unsagbar, dass meine ukrainische Familie womöglich gerade jetzt umkommt. Die Kämpfe finden eben dort statt, wo sie wohnen, und ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch am Leben sind.
Aber das Schlimmste ist die Russland beherrschende mächtige Kriegspropaganda und die Tatsache, dass die Leute ihr glauben, d.h. sie befinden sich wie unter Hypnose. Aus Radio und Fernseher schallt es, dass die Ukraine schuld sei, weil sie in die NATO wollte, weil direkt an Russlands Grenzen Raketen stationiert sind, weil Amerika auf dem Territorium der Ukraine biologische Forschungslabors errichtet hätte, von denen für Russland die Gefahr einer Verseuchung ausgehe, weil Zelenskij auf der Münchner Sicherheitskonferenz über den möglichen Bau einer Atombombe gesprochen habe, durch die Russland bedroht werde, weil es den russischen Ukrainern in der Ukraine nicht erlaubt sei, Russisch zu sprechen ... 
Die Intelligenz, natürlich, ist über Telefon und Internet miteinander verknüpft und tauscht sich aus. Sehr viele verlassen das Land. Besonders junge Männer. Damit man sie nicht zur Armee einziehen und in den Krieg schicken kann. Sie machen sich auf den Weg in die Türkei, nach Armenien, Georgien, Kasachstan. Dorthin, wohin sie ohne Schengenvisum gelangen können. Andere demonstrieren auf den Meetings und werden von der Miliz festgenommen. Noch andere rennen zur Bank, heben Geld ab, kaufen Dollars und Euros auf oder erstehen Produkte, die mit jedem Tag teurer werden. Mein 10jähriger Enkel Jan kommt aus der Schule, schließt sich im Bad ein und schluchzt. Dann schreibt er ein Protestgedicht. Seine ganze fünfte Klasse ist gegen den Krieg. 
Ich hoffe auf unsere Jugend und auf die Kinder, die in einem so unfreien Land nicht leben wollen, das über Nacht zu einem mittelalterlichen Land geworden ist, das die ganze Welt bedroht. Auf sie hoffe ich. Und auf die Ukraine, die aufsteht und siegen wird. 
Liebe Christina, noch vor kurzem haben wir auf der Konferenz in Weimar über den deutschen Faschismus gesprochen und nicht begreifen können, wie er in Deutschland, einem Land solch hoher Kultur entstehen konnte. Jetzt befinden wir uns selbst in dieser Lage und wollen nicht verstehen, wie in Russland, dem Land Puschkins, Dostojewskis und Tolstois, einem Land, das gegen den Faschismus kämpfte und dabei Millionen Leben verlor, wie in unserem Land ein solcher Faschismus entstehen konnte. 
Svetlana        

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