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Matthias Platzeck in Weimar

Lesung zum neuen Buch im Rahmen des Kunstfestes Weimar 2021

Abendveranstaltung zum Buch „Wir brauchen eine neue Ostpolitik-Russland als Partner“
Die zweite Veranstaltung im Rahmen des Projektes zum Gedenken an den faschistischen Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion vor 80 Jahren fand am 3. September 2021 statt. Als Redner konnte der Vorsitzende des Deutsch-Russischen-Forums, Matthias Platzeck, Ministerpräsident a.D. in Weimar gewonnen  werden.
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Eingeleitet wurde die Veranstaltung, die pandemiebedingt lediglich 40 zugelassenen Präsenzgäste zählte,   durch Professorin Christina Parnell. Mitwirkende der Hochschule für Musik und dem Deutschen Nationaltheater Weimar bestritten den künstlerischen Auftakt des Abends, der von der DRFG in Thüringen, Ortsgruppe Weimar unter der Schirmherrschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen , organisiert wurde. Eine Aufzeichnung ist über die Facebookseite der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sehen.
Prof. Parnell verwies in ihrer Begrüßungsrede darauf,  dass sich die Beziehung zwischen Deutschland und Russland auf der politischen Ebene derzeit rasant dem überwunden geglaubten Verhältnis in der Zeit des Kalten Krieges nähert und eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt.. 
Ein Zustand, dem die Zivilgesellschaft beider Länder heftig entgegentreten müsse.
Zum Lesen seines neuen Buches ermutigte der Autor, indem er zu Schlüsselthemen seiner Veröffentlichung sprach.
»Das Urthema, mit dem das Schicksal Europas steht und fällt, ist die Frage der Sicherheit, denn Sicherheit gibt es nur mit  und nicht ohne Russland«, meinte Platzeck im Rückblick auf seine politischen Vorbilder Willy Brandt, Egon Bahr und Manfred Stolpe.
Matthias Platzeck, betonte zurecht, dass die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen beiden Ländern, Russland und Deutschland, das Bemühen voraussetzt, die Beweggründe des anderen verstehen zu wollen. Hierzu aber bedarf es des Wissens vom anderen – seiner Geschichte und seiner Kultur, einschließlich der zum Mythos geronnenen Leid- und Siegeserfahrung des russischen Volkes im „Großen Vaterländischen Krieg“. Dazu zählte er sein eigenes Aufwachsen in der Nähe einer sowjetischen Garnison in Potsdam und die Hingabe mit der seine Russischlehrerin ihm die Kultur, Literatur und Kunst der Völker der Sowjetunion näherbrachte.
Sehr emotional führte er aus,  dass die Belagerung und Aushungerung Leningrads (1 Mill. Tote), die unzähligen Massaker an der jüdischen Bevölkerung (1,5 Mill. Tote), für die Orte wie das ukrainische Babi Jar, das litauische Panerai als Beispiel stehen, die gezielte Hinrichtung und Aushungerung der russischen Kriegsgefangenen in den deutschen Lagern (3,3 Mill. Tote), die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, ungezählte „Vergeltungsaktionen“ und die „Taktik der verbrannten Erde“ auf dem Rückzug der deutschen Armee, zutiefst sich in das historische Gedächtnis eingebrannt haben. Mit  Beunruhigung müssen wir feststellen, so der Redner, dass sich dieses historische Bewusstsein für immer mehr Menschen diesseits der Fünfzig nicht mehr herstellt. 
Ohne den zunehmend autokratischen Kurs der Regierung Putin zu beschönigen, forderte der Redner einen Dialog auf Augenhöhe. Als Voraussetzung hierfür sieht er sowohl den universellen Respekt gegenüber dem Anderen als auch das konkrete Wissen um dessen Geschichte und Kultur, dessen Stärken und Traumata. Nicht zu vergessen der nicht geringe Anteil an der deutschen Bevölkerung, für den Russland per se als Bedrohung steht und die vornehmlich ideologisch geprägte westliche Außenpolitik der Sanktionen. Eingedenk des Überfalls Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, betonte Platzeck die Verantwortung Deutschlands, den Frieden in Europa durch eine Vertrauen schaffende neue Ostpolitik zu sichern. Dies sei auch der Tenor der kürzlich in Kaluga stattgefundenen Deutsch-Russischen Stadtepartnerkonferenz gewesen.
Relativiert die Tatsache, dass das Europaparlament sowohl Hitlerdeutschland als auch die Sowjetunion für die Auslösung des II. Weltkrieges verantwortlich machte, etwa Deutschlands Verantwortung für die Verbrechen an den Völkern der Sowjetunion, eingeschlossen das russische Volk?
Was hat es für Russland bedeutet, wenn es zu den Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages des D-Days in der Normandie – wie im Vorjahr geschehen, nicht eingeladen wurde, wenn sich die westlichen Alliierten den Sieg über Hitlerdeutschland zuschreiben und die Angehörigen der Sowjetarmee im westlichen Alltagsbewusstsein oft einseitig als plündernde und vergewaltigende Rächer erscheinen?
All das schmerzt die Weißrussen, Ukrainer, Russen und die vielen anderen Angehörigen der Völkerschaften der ehemaligen Sowjetunion bis heute.
Welche Spuren haben die Reden von Daniil Granin im Januar 2014, aber auch von Wladimir Putin im September 2001 im Deutschen Bundestag in der deutschen Politik hinterlassen? Haben wir die Chance auf Verständigung und Verständnis genutzt oder sie nicht vielmehr verstreichen lassen? Sollte man die auf militärische Stärke und Sicherheit ausgerichtete Außenpolitik Russlands angesichts fortdauernder Brüskierungen, Unterstellungen und Kampfansagen nicht wenigstens zu verstehen suchen?
Wer aber erinnert sich heute in Deutschland noch an den Juni 1941? Wie geht die deutsche Bevölkerung mit ihrer Geschichte um?
Auf diese Fragen kam Mirko Hempel, der neue Leiter des Landesbüros der Friedrich Ebert-Stiftung, zu sprechen, der anschließend  die Diskussion mit Matthias Platzeck moderierte.  Nach Meinung von Platzeck bedürfen all diese Fragen  noch einer gründlich abzuwägenden Analyse.  Dazu zählt er auch den anstehenden Besuch des Vorsitzenden der Friedrich-Ebert-Stiftung Martin Schulz in Moskau. Platzeck äusserte in der Diskussion die Hoffnung, dass sich nach der Bundestagswahl neue Perspektiven  ergeben könnten, beispielsweise im Hinblick auf die Entwicklung in Afghanistan, Syrien, der Ukraine und China. Einen Jugendlichen bewegte die Frage warum man nicht mit allen Menschen in Frieden leben kann. Gerade die Jugend ist an zukunftsweisenden Ideen und internationaler Zusammenarbeit interessiert. Kritische Fragen gab es zur offiziellen Haltung des Auswärtigen Amtes in der Russlandfrage und wie man den Petersburger Dialog trotz einseitigem Abbruchs weiterführen kann.
Anwesend war auch der stellvertretende Ministerpräsident und Vorsitzende der SPD im Land Thüringen , Georg Maier, der sich ebenfalls an der  Diskussion beteiligte.
Es gehen herzliche Dankesworte an die Weimarerinnen Professorin Christina Parnell, Heidrun Sedlacik und an Dr. Franziska Schmidtke  von der Ebertstiftung.

Das am Ende der Veranstaltung  von den Schauspielern des Deutschen Nationaltheaters Weimar vorgetragene Vermächtnis von Wolfgang Borchert aus dem Jahre 1947 gilt als Fazit für diese Veranstaltung. 

Die wiederkehrende Aufforderung Sag Nein! wurde zu einem viel zitierten Motto in der Friedensbewegung. (1) 

Wir veröffentlichen diesen Text, der ob seines Inhaltes nichts an Aktualität verloren hat.

 

Dann gibt es nur eins!
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schiesspulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren - sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Missisippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo - Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Muetter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die grossen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest, den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben -
die Strassenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasaeugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Strassen -
eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefrässig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitaeten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig unaufhaltsam -
der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken -
in den Instituten werden die genialen Erfindungen der grossen ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln -
in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen - das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln - zerbröckeln - zerbröckeln -
dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend - und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch -

all dieses wird eintreffen, morgen,

morgen vielleicht,

vielleicht heute nacht schon,

vielleicht heute nacht,

wenn -- wenn --

wenn ihr nicht NEIN sagt.

(1)zitiert aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Rowohlt 1986, Seite 318 ff
Fotos: Heidrun Sedlacik
Text: Günter R. Guttsche

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